Samstag, 20. Juni 2009

Per Olov Enquist: Das Buch von Blanche und Marie

Als Ausgangspunkt für den Roman, in dem es über die Natur der Liebe geht, wählt Per Olov Enquist drei historische Figuren. Es geht um Blanche Wittman, die als Sechzehnjährige als Hysteriepatientin in die Pariser Nervenklinik, „Hôpital Salpêtrière“ kam, und wie Henry F. Ellenberger in „Die Entdeckung des Unbewussten“ mitteilt, „rasch eine der berühmtesten Versuchspersonen Charcots wurde und den Spitznamen >la reine des hystériques<". Jean Martin Charcot (1825-1893), der durch seine Forschungen die Entwicklung der Neurologie nachhaltig beeinflusst hat, z.B. die Multiple Sklerose gegenüber anderen neurologischen Krankheiten abgrenzte, forschte auch nach einer organischen Ursache für Hysterie. Im Roman wird erzählt, Charcot zeige Blanche eine Ovariumpresse aus Leder, die am Unterleib von Frauen angebracht werde. Durch anziehen von zwei Schrauben werde das Lederkissen die Gebärmutter der Frau zusammendrücken, „gegen das hysteroide Zentrum gepreßt, um die Anfälle zu stoppen.“

Legendär und umstritten sind Charcots öffentliche Experimente mit Hysteriepatientinnen. Frauen waren hier mehr oder weniger Versuchspersonen, die auch noch öffentlich zur Schau gestellt wurden. Im Roman heißt es:

"Das Gerücht von diesen Experimenten hatte sich unter den Intelektuellen in Paris verbreitet, und das Gerücht hatte besagt – dies war im Herbst 1886 – das jetzt Experimente durchgeführt würden, die zeigten, daß die Frau >gewissermaßen als eine Maschine zu betrachten sei, daß bestimmte Empfindungen durch maschinelle Einwirkungen hervorgerufen werden konnten, so daß man durch Druck auf bestimmte, sinnreich erdachte Punkte einen Gefühlsausbruch provozieren konnte.Und diese Gefühle konnten nicht nur herbeigerufen, sie konnten auch zurückgerufen werden, so daß die hysterischen und konvulsivischen Anfälle auf diese Weise bewiesen, daß die Frau, gerade durch ihre Flucht in die Hysterie und durch ihren wissenschaftlich kontrollierten Rückzug aus derselben, verstanden werden konnte, daß die Zeichen abgelesen und kontrolliert werden konnten<"

Allerdings besagte, nach Enquist, dieses Gerücht nicht alles. Charcot ging es letzten Dinges schließlich um das Innere des Menschen, welches aufgesucht werden könne. Mir kommt das allerdings etwas konfus vor. Was meint er denn, mit dem Inneren des Menschen? Vielleicht geht es hier schon um die Natur der Liebe. Denn , so erzählt Enquist, der schwedische Schriftsteller August Strindberg sei bei einem Experiment anwesend gewesen, der sich mit der Natur der Frau und der Liebe beschäftigt habe. Mit der Natur der Liebe beschäftigt sich auch Blanche Wittman in ihrem (von P.O. Enquist ausgedachten) Fragebuch, welches sie nach dem Tod von Charcot begonnen hatte und dieses fiktionale Buch das Zentrum des Romans bildet.

Fiktional ist auch Blanches Begegnung mit der zweifachen Nobelpreisträgerin Marie Curie (1867 - 1934), die mit mit ihrem Ehemann Pierre die chemischen Elemente Polonium und Radium entdeckte. Blanche habe, so Enquist, in Marie Curies Labor gearbeit. Henry W. Ellenberger schreibt, Blanche habe in der Salpêtrière in einem radiologischen Labor gearbeitet, sei deswegen „eins der ersten Opfer des Radiologenkrebses“ gewesen.

"Ihre letzten Jahre waren ein Leidensweg, den sie hinter sich brachte, ohne das geringste hysterische Symptom zu zeigen. Sie mußte eine Amputation nach der anderen über sich ergehen lassen und starb als eine Märtyrerin der Wissenschaft." (Ellenberger)

Ob Blanche Wittman sich ihre Erkrankung im Laboratorium des Krankenhauses oder fiktional in Marie Curies Laboratorium lässt Enquist offen.


Blanche Wittman will in ihrem Fragebuch, die Natur der Liebe ergründen und erzählt von ihrer (fiktiven) Liebe zu Charcot, die sich nur in ihrem Kopf abspielt, und von den Lieben der Marie Curie. Von ihrem Mann Pierre, der bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist und ihrer Liebesaffäre zu Paul Langevin, die ihr fast ihr gesellschaftliches Ansehen gekostet hat. Sie wurde sogar gebeten, den Nobelpreis von 1911 nicht anzunehmen. Im Roman sollen wohl die verschiedenen Dimensionen und Auswirkungen der Liebe abgetastet werden, die in Verderben und Tod führen kann.

"Teilt man sein Dunkel mit dem, den man liebt, entsteht manchmal ein Licht, das so stark ist, das es tötet. Du solltest es wissen, Marie. Du hast ja dieses tödliche blaue Licht gesehen."

Diese Verknüpfung zwischen dem Licht des Radiums und tödlichen Auswirkungen der Liebe, hat mir schon gefallen. Natürlich hinterfragt Marie, ob das dann wirklich Liebe sei.

Die Aussagen über die Liebe bleiben in diesem Roman recht fragmenthaft. Der Roman reift nicht zu tieferen Dimensionen der Liebe hin. So fragmenthaft der Roman erzählt wird, so wird die Natur der Liebe nur bedeutungslos angeschnippelt. Zu tiefen sinnhaften Aussagen kommt der Roman nicht. Die Liebe bleibt amputiert und verletzbar, wie Blanches Torso. Interessant ist in erster Linie die historische Einbettung.

Sonntag, 31. Mai 2009

Joseph Roth: Hiob

Joseph Roths Roman „Hiob“ erzählt die Leidensgeschichte Mendel Singers, eines orthodoxen Ostjuden. In den beiden ersten Absätzen des Romans, erfahren wir, wie damals vor dem ersten Weltkrieg Ostjuden gekleidet, wie sie ausgesehen haben: Der Mund vom Bart verdeckt, auf dem Kopf eine schwarze Mütze, hohe Lederstiefel, ein landesüblicher jüdischer Kaftan, die traditionelle Kleidung von Ostjuden. Mendel Singer wird als konventioneller Ostjude beschrieben, der durch nichts besonderes herausragt, „den schlichten Beruf eines Lehrers“ ausübt, den Kindern des Ortes die Kenntnis der Bibel (die Thora) lehrt. „Unbedeutend wie sein Wesen war sein blasses Gesicht“. Er ist gottergeben und stellt sich seinem Schicksal.

„..die Armen sind ohnmächtig, Gott wirft keine goldenen Steine vom Himmel, in der Lotterie gewinnen sie nicht, und ihr Los müssen sie in Ergebenheit tragen....Gegen den Willen des Himmels gibt es keine Gewalt. > Von ihm donnert es und blitzt es, er wölbt sich über die ganze Erde, vor ihm kann man nicht davonlaufen< - so steht es geschrieben.“ Diese Einsicht Mendels führt zu Spannungen mit seiner Frau Deborah. Sie wirft ihm vor, immer die falschen Sätze auswendig zu wissen, denn „ der Mensch muss sich zu helfen suchen, und Gott wird ihm helfen,“ so stehe es geschrieben. Diese Auseinandersetzung mag aufzeigen, dass das Judentum eine Buchreligion ist, die heiligen Texte ausgelegt werden müssen. Da kann es schon zu Differenzen kommen.

Deborah ist anders gestrickt als Mendel. Sie ergibt sich nicht einfach dem Schicksal, sondern geht zu einem Wunderrabbi. Sie glaubt an die Prophezeiung, das ihr schwerkranker Sohn Menuchim, einmal gesund sein wird (solch eine Wundergläubigkeit wird dem Chassidismus zugerechnet):

„Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Häßlichkeit gütig, die Bitterkeit milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Wiederhall. Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie gutes künden.“

Mendel hat seinen Glauben verloren, er ist verbittert über die Schicksalsschläge in seiner Familie, in Amerika will er Gott verbrennen. Aber, und darauf kommt es an, Mendel wird geläutert, als er das Wunder von Menuchims Heilung erkennt. Von diesen innerlichen Wandlungen handelt der Roman.

Über Menuchim heißt es, er habe

„die ganze Anzahl menschlicher Qualen auf sich genommen, die sonst vielleicht eine gütige Natur sachte auf alle Mitglieder verteilt hätte.“

Unter normalen Umständen wäre Menuchim niemals gesund geworden, so krank war er. So haben wir es hier wirklich mit einem Wunder zu tun, und der Roman schwappt ins legendär-religiöse. Dass er alle Qualen auf sich geladen zu haben scheint, verknüpft ihn sogar mit der Gestalt Jesus Christus.

Der Roman erzählt auch vom Schicksal des jüdischen Volkes, das Leben in der Diaspora, bzw. auch von jüdischer Abtrünnigkeit. So habe ich mich gewundert, warum Jonas bei den Kosaken im Militär dient. Von einem Juden hätte ich das nie erwartet, denn die Kosaken waren seit langem antisemitisch und haben u.a. um 1900, also vor dem ersten Weltkrieg, Progrome an den jüdischen Volk verübt. Viele Juden sind damals schon aus dem polnisch-russischen Grenzgebiet geflohen (vgl. Henry W. Katz: "Die Fischmanns"). Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurden schon polnische Juden von griechisch-orthodoxen Kosaken umgebracht (historisches Stichwort: "ukrainisches Gemetzel" von 1648/49; vgl. auch Isaac Bashevis Singer: "Jakob der Knecht"). Jonas assimiliert mit den Kosaken. Aus dem Juden Schemarjah wurde in den USA der Geschäftsmann Sam. Mirjam, die Nymphomanin, die auch mit Kosaken zusammen ist und als ein Grund für Mendels Gang nach Amerika dient (dort kann sie es nicht mehr mit den Kosaken treiben), ihr sexuelles Verhalten also geht konträr jüdischer Moralvorstellungen. So muss man schließlich erkennen, das im "Hiob" doch einiges über die Zerissenheit der Juden in der Welt zu lesen ist. Und dann, ausgerechnet in der neuen Welt taucht Menuchim, dieser einzigartige Mensch, auf. Vielleicht wollte Joseph Roth mit dem auftauchen Menuchims die Sehnsucht aufzeigen, dass in der Diaspora ihre Religion nicht Verschutt geht. Auch in der Ferne, in New York, ist jüdisches Leben möglich.

Der Roman erweist sich als tiefreligiöser jüdischer Roman. Wer für solche Themen offen ist, für den ist der Roman sicher was. Interessant wäre zu wissen, was Atheisten zu diesem Roman sagen würden. Das Wunder von Menuchims Heilung wirkt doch recht seltsam auf mich.

Sonntag, 17. Mai 2009

Joseph Roth: Hotel Savoy

„Hotel Savoy“ ist Joseph Roths zweiter Roman. Hier schreibt er erstmals über den Untergang einer Epoche, der k.u.k. - Monarchie. Dieser Untergang wird u.a. auch in Metaphern erzählt. Im Savoy, worin verschiedene Existenzen stranden, die nicht wissen, wohin nach dem Krieg das Leben sie noch führen soll, gibt es den alten Liftboy Ignatz, der auch als Todesbote fungiert. Er hat biergelbe Augen und fuhr als Letzter den Clown Santschin hinunter, bevor dieser an einer Krankheit starb. Ein Arzt sagt seinen Tod voraus, ihm ist nicht mehr zu helfen. Hier handelt es sich natürlich um eine Metapher für das Sterben der alten Epoche (übrigens wird in Sándor Márais Roman „Die jungen Rebellen“ die ältere Generation aus dem selben Grund metaphorisch als krank, schwächlich und ein bisschen verrückt umschrieben). Das gilt auch für Taddeus Montag, der nur kurz auftaucht und als Todeskandidat auftritt: „Dünn, blaß und groß steigt er sachte herum..“.

Erzählt wird die Geschichte von Gabriel Dan, der nach dreijähriger Kriegsgefangenschaft aus einem sibirischen Lager in Lodz (Polen) landet, wo seine Verwandten wohnen. Er ist durch viele russische Dörfer und Städte gewandert, hat sich mit mehreren Jobs durchgeschlagen und kommt nun ins Hotel Savoy. Im Hotel wohnt auch das Mädchen Stasia, die auf billigen Brettern eines Varietés tanzt. Ihr Name wird im Programm nicht erwähnt – sie ist eben nur irgendein Mädchen, das hier zufällig gelandet ist. Auch die Zukunft Stasias bleibt lange im ungewissen. Nur manchen Bewohnern des Hotels wird eine Zukunft in der neuen Welt Realität werden, andere bleiben auf der Strecke oder finden den Tod. Am Beispiel von Gabriel Dan, der in dieses Mädchen verliebt ist, können wir den Pessimismus der vom Krieg geschlagenden Menschen erkennen. Diese schweren Jahre haben ihn geprägt.

"Ein großer Haufen Einsamkeit hat sich in mir angesammelt, sechs Jahre großer Einsamkeit. Ich suche nach Gründen, weshalb ich ihr so fern bin, und finde keine."

Eines Tages reist sein Freund Zwonimir an, den Gabriel von seiner Kompanie her kannte. Da er mit dem Zug ankommt und nicht zu Fuß, bedeutet gleich, ihm gehe es besser. Der Milliardär Harry Bloomfield, der wegen des Todestages seines jüdischen Vaters Blumenfeld gekommen ist, und den Juden verkörpert der sich in der Neuen Welt (Amerika!) fest etabliert hat, kommt dann selbstverständlich mit dem Auto. Doch die Kriegsheimkehrer, meist kommen sie wie Gabriel zu Fuß an und überschwemmen zahlreich die Stadt.

"Mitten durch den schrägen, dünnen Regen gehen sie, Rußland, das große, schüttet sie aus. Sie nehmen kein Ende. Sie kommen alle denselben Weg, in grauen Kleidern, den Staub zerwanderter Jahre auf Gesichtern und Füßen. Es ist, als hingen sie mit dem Regen zusammen. Grau wie er sind sie und beständig wie er.....Viele gingen an uns vorbei, und wir erkannten sie nicht, obwohl wir gewiß mit ihnen zusammen geschossen und gehungert haben."

Erst mit dem Eintritt Zwominirs in den Roman, ist mir bewusst geworden, worum es in diesem Roman geht. Nachträglich habe ich dann im Text davor die Stellen ersucht, die auf den Zusammenbruch der alten Welt hinweisen. Die zweite Romanhälfte ist lebendiger gestaltet. Josef Roth hat sich eben etwas Zeit gelassen, bevor es ums Eingemachte geht.

Freitag, 15. Mai 2009

Joseph Roth: Die Legende vom heiligen Trinker

Ist Honoré de Balzac an Überanstrengung und an exzessivem Kaffetrinken gestorben, so war es bei Joseph Roth der Alkohol, der ihm einen frühen Tod bescherte. Es ist schon sonderbar, dass Roths letztes Werk von einem Trinker handelt, dem auch ein früher Tod ereilt. Aber Joseph Roth erzählt in dieser Geschichte von wundersamen Dingen, sodass man wirklich von einer Legende sprechen kann.

Es geht um den Clochard Andreas, der in Paris unter Seinebrücken nächtigt, sich dabei mit einer Zeitung zudeckt, die ihn wärmt, so wie es alle Obdachlose machen. Nun begegnet Andreas einen Herrn gesetzten Alters, der ihm 200 Francs schenkt. Andreas wolle aber, auch wenn er unter den Brücken wohne, ihm das Geld irgendwann zurückbezahlen. Er habe aber kein Bankkonto. Wie nun solle er das Geld zurückbezahlen. Der alte unbekannte Herr aber sagt, er habe ebenfalls keine Bank, und da er Christ geworden sei, und die Geschichte der kleinen heiligen Therese von Lisieux gelesen habe, verehre insbesondere jene kleine Statue der Heiligen, die sich in der Kapelle Ste Marie de Batignolles befinde.

"Wenn Sie es überhaupt jemanden schulden, so ist es die kleine Therese.."


Darauf sagt
"der verwahrloste" Andreas:

"Ich sehe, daß Sie mich und meine Ehrenhaftigkeit vollkommen begriffen haben. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich mein Wort halten werde..."

Was seine Ehrenhaftigkeit betrifft, so behält er sie, denn er ist versucht, das Geld der heiligen Therese zu geben. Doch es kommt immer wieder etwas dazwischen. Da versäuft er das Geld mit Pernod, und wenn ihm auf wundersame Weise eine prallgefüllte Brieftasche in die Hände gerät, dauert es nicht lange, und die Francs minimieren sich - wie das Leben so spielt. So erzählt Joseph Roth die Legende sehr liebevoll weiter, das Herz immer auf der Seite des Obdachlosen. Das Innere des Menschen zählt hier noch mehr als die äußere Verwahrlosung des Andreas, und weil es eben eine Legende ist, endet die Geschichte sehr wunderlich. Mit dieser herzlichen Geschichte hat sich Joseph Roth von der Welt verabschiedet.

Sonntag, 26. April 2009

Henry Miller: Der Koloß von Maroussi

„Der Koloß von Maroussi“ entstand im Jahre 1940, nachdem er ein Jahr zuvor eine mehrmonatige Reise durch dieses Land unternommen. Wir begleiten Henry Miller in diesem mythenreichen Land zu zahlrreichen historisch-archäologischen Stätten, die auch heute noch zu den touristischen Zielen gehören. Doch ist dieses Griechenlandbuch kein touristischer Führer oder Historienbuch, sondern wir erleben Eindrücke, die Griechenland auf Miller hinterlassen hat. Auf diese Weise gestaltet sich für den Leserm dieses Buches vollig Neues. In diesem Land, was für Miller ein „heiliges Land“ ist, lässt sich der Autor ausgiebig über seine Lebensanschauung aus, der durchaus etwas buddhistisches anhaftet, Henry Miller sich allerdings von allen Ideologien lossagt.

"Alles woran wir uns klammern, selbst Hoffnung oder Glaube, kann die Krankheit sein, die uns zur Strecke bringt. Verzicht Selbsthingabe ist etwas Absolutes.wenn man sich nur an den winzigen Krümel klammert nährt man den Keim, der uns verschlingt."

Der Kerngedanke von Millers Lebensanschauung: „Ja, ich bin so verrückt zu glauben, daß der Mensch, der die wenigsten Bedürfnisse hat, der glücklichste ist.“ Großer Reichtum, viel Geld und Besitz, macht den Menschen nicht glücklicher.

Miller kritisiert den besessenen Fortschritt der Amerikaner, der sich auf wenige Worte festnageln lässt: „mehr Maschinen, mehr Leistungen, mehr Kapital mehr Komfort.“ -

All dieses scheint den Menschen wichtig, allerdings ist diese Lebensanschauung für Miller wie eine Versklavung. Man heftet sich an Dinge, und Vorstellungen, die andere geschaffen haben, und das soll Leben sein. Miller sagt ganz klar, er brauche gar nichts um glücklich zu sein, nur die Loslösung von den Dingen, befreit den Menschen. Auch Erich Fromm kritisiert in seinem Werk „Haben oder Sein“, das mehr Haben wollen. Um das Wesen des Seins zu veranschaulichen zitiert Erich Fromm einen Haiku von Bashos:

"Wenn ich aufmerksam schaue,
Seh' ich die Nazuna
An der Hecke blühen!"

Bashos erfreut sich an der Blume, ohne sie haben zu wollen.

Es geht nicht nur darum sich von den Dingen zu lösen, sondern auch darum „den Geist leer zu halten.“, sich fernhalten von dem, was in unseren Geist einströmen will: Radio, Zeitung, der tägliche Ratsch und Tratsch. Ich denke, dieses fällt dem Menschen heutzusage schwer; aber selbt wir sagen manchmal, lassen wir doch die Seele baumeln. Sich einfach lösen vom täglichen Stress und hin und her. Es ist geradezu meditativ, woran Miller denkt. So spiele es auch keine Rolle „was für eine Flagge über dem Kopf weht oder wem das oder jenes gehört oder ob man Englisch oder Monogahela spricht. Man versteht sich über die Herzen.“

Ohne sich an eine Religion binden lassen zu wollen, können wir im Neuen Testament (MK. 12, 41-44) ein schönes Beispiel vom völligen Loslassen entdecken. Dort wird gesagt, dass reiche Leute viel Geld in den „Gotteskasten“ legten. Da kam aber eine arme Witwe, die den Rest ihres wenigen Geldes in den Kasten legte: einen Pfennig. Die Witwe lässt in aller Selbstverständlichkeit und Selbstlosigkeit ihren letzten Pfennig sausen. Natürlich, die Raffgierigen und Reichen behalten doch noch ihr Hab und Gut und wollen daran auch festhalten. Nicht aber diese arme Frau.

Henry Miller sagt:

"Ich weiß, wo das Heil liegt: entsagen muß man, verzichten muß man, sich aufopfern, auf das unsere kleine Herzen im Gleichklang mit dem großen Herzen der Welt schlagen."

oder auch hier:

"Verzicht, Selbsthingabe ist etwas Absolutes: wenn man sich nur an den winzigen Krümel klammert, nährt man den Keim, der einen verschlingt."

Man überlege nur, was man alles Bezahlen muss, welch eine Last jemand hat, wenn man ein Auto hat: Versicherungen, Steuern, TÜV, Reparaturen. Viele Menschen können sich ein Leben ohne Auto gar nicht mehr vorstellen, oder ein Leben ohne Handy und Internet. Unser heutiges Leben ist an Maschinen gebunden. Als Katsimbalis, mit dem Miller durch Griechenland reist, nach Athen zurückgerufen wird, weil „seine Anwälte überraschenderweise herausgefunden hatten, daß ihm ein bestimmtes Grundstück gehörte,“ war Katsimbalis nicht sehr erfreut, denn „mehr Besitz bedeutet mehr Steuern, mehr Schulden – und mehr Kopfschmerzen.“

Wenn jemand die Möglichkeit hätte, nur ein Buch von Miller lesen zu können, dann sollte er nach dem „Koloß von Maroussi“ greifen, weil Henry Miller hier in wunderbarer Weise das konzentriert hat, was er der Welt sagen wollte: Der Weg zur Befreiung, der Weg zum Frieden. Es ist auch ein Buch mit unendlich viel schönen Gedanken, hier könnte man des Zitierens niemals müde werde. Friede kann man nicht aufstapeln wie Mais und Weizen, sagt Miller.

"Es wird keinen Frieden geben, ehe nicht aus Herz und Gemüt jeder Gedanke an Mord ausgemerzt ist. Mord ist die Spitze der breiten Pyramide, deren Basis der Egoismus ist."

Schon im „Wendekreis des Krebses“ erzählt Henry Miller, wie arm und wie glücklich er in Paris lebt. Diese Armut bedeutet für Miller Reichtum.

"Ich lebe nicht von Geld, ich lebe von dem Glauben an mich, an meine Fähigkeiten. Ich Geiste bin ich Millionär."

Ich habe mich manchmal gefragt, ob Henry Miller mit dem Buddhismus anbändelt. Er selber sagt natürlich, man solle sich von jeder Ideologie befreien. Trotzdem, wovon Miller hier träumt, kann man ebenso völlig unreligiös betrachten, schließlich ist die Befreiung von unserem mikrigen Ego, aus dem Unfrieden kommt, nicht an eine Religion gebunden. Wir wissen, was für fürchterliche Kriege im Namen einer Religion geführt worden sind. Darum ist so eine bindungslose Lebensanschauung, wie Miller sie vertritt, sehr wohltuend.

Samstag, 11. April 2009

José Maria Eça de Queiroz: Das Verbrechen des Paters Amaro

Als der Roman im Jahre 1875 in Portugal erschien, löste er einen Skandal aus, denn schonungslos erzählt Eça de Queiroz anhand des Paters Amaro von den Tücken des Zölibats und von der verlogenen Sexualmoral der katholischen Kirche.

Pater José Miguéis, ein "Erzvielfraß", ist an Schlagfluß (Apoplex) gestorben. Eça de Queiroz erzählt dieses in einen erheiternden Ton, am Abend vorher haber er viel gegessen. Der Chorherr Valadares nannte ihn wegen seiner Stärker "Herkules" und wegen seiner Gefräßigkeit "Frater". Ich denke das soll ein Hinweis auf Völlerei sein, denn es fällt auf, dass die Geistlichen Herren von Leiria wie z.B. auch der Kannonikus Dias, Pater Amaros Morallehrer, ziemlich guten Appetit haben. Als Nachfolger des Verstorbenen Miguéis kommt als Nachfolger der junge Pater Viera Amaro in den Ort. Erwähnenswert ist schon der Name „Amaro“, was wohl "Liebe" bedeutet. Außerdem liest der Chorherr Ovid; sicher auch die "Ars amatoria ". Mit solchen Anspielungen auf sündhaftes Verhalten beginnt der Roman doch recht erheiternd.

Pater Amaro wächst in einer bigotten Atmosphäre auf und wurde schon in seiner Jungend auf das Amt des Priesters vorbereitet, und dann quasi ins das Amt gedrängt, ohne ihn zu fragen, ob er das überhaupt wollte. Und als er die Nachfolge in Leiria übernimmt, zieht Amaro in das Gasthaus der Joaneira ein, die eine sehr schöne Tochter hat. Schon früh wird literarisch vorbereitet, das sich der Pater in diese schöne Amélia verlieben wird. Amaro wird mit erotischen Phantasien durchschüttelt, die er als Priester nicht haben dürfte.

"Amaro wurde davon nervös: er wälzte sich in der Nacht schlaflos auf seiner Matraze, und tief in seiner Phantasie und in seinen Träumen brannte wie eine stumme, heimliche Glut der Wunsch nach einem Weibe."

Hier wird die Sinnlosigkeit des Zölibates aufgezeigt, ein Pater hat sinnliche Erregungen wie jeder andere Mensch auf. Von einer Sublimierung des Geschlechtstrieb kann hier nicht die Rede sein, es tut sich höchstens ein Notweg aus, wenn der Anblick einer Marienfigur zu sexuellen Phantasien führt. Dass der Sexualtrieb den mit den vom Zölibat gebeutelten Geistlichen seltsame Wege geht, hat Karlheinz Deschner in seinem Werk
„Das Kreuz mit der Kirche“ offengelegt. Ein Beispiel sei herausgeriffen, in dem erzählt wird, „dass gerade die frömmsten Mönche alle ihnen verwehrten Sexualgefühle auf die heilige Jungfrau übertrugen, machten sie zu ihrer >>Braut<<, hatten ein Ersatzidal für das Weib, das sie mieden und verachteten oder doch wenigstens meiden und verachten sollten" (man vgl. bei Deschner, das Kapitel „Caritas Mariae urget nos - Wir wollen deine Liebessklaven sein“).

Nach der Devise Gelegenheit machts möglich, schlittert unser Pater in ein Liebesverhältnis hinein,und dem Leser wird das Hauptproblem, die Unterdrückung des Sexualtriebes wegen Moralvorstellungen der Kirche sichtlich vorgeführt. Daregt sich auch das Gewissen des Paters: „Zum Teufel! Du mußt vernünftig sein.“, doch, er verfällt seinen Sexualphantasien.

Auch Amélia hat eine sehr strenge religiöse Erziehung genossen:


"Schon damals kannte Amélia ihren Katechismus und ihre Glaubenslehre. In der Schule und daheim wurde bei jedem kleinen Vergehen auf die Strafen des Himmels hingewiesen. So kam es, daß sie sich Gott als ein Wesen vorstellte, das immer nur Leiden und Tod verhängt und das man besänftigen muß, indem man betet, fastet, endlose Predigten anhört und zu den Geistlichen hält."

Hier sieht man die Moralpeitsche der Geistlichkeit (mit wahrem Christentum hat das nichts zu tun). Mit solch einer Peitsche werden Gläubige maltratiert. Man muss sich nun vorstellen, dass solch eine Atmosphäre in diesem frömmelnden und bigotten Ort Leiria herrscht. In solcher Dumpfheit wider dem Leben, existieren die Leute dort. Und dann der Pfarrer, der die innere Leidenschaft nicht bändigen kann.


In ihrer Liebesnot hat Amélia die Idee, Amaro könne ihr Beichtvater sein. Dann könnten sie sich nämlich heimlich treffen, „und dies alles würde keusch, wenn auch ein wenig pikant sein....“

Pater Amaro will durch seine Liebschaft öffentlich keinen Schaden erleiden. Darum unternimmt er alles, dass es offiziell abgesegnet wird, dass er Amélia treffen kann. Es werden also Möglichkeiten geschaffen, das Amaro seine Geliebte treffen kann, ohne das gemmunkelt wird. Schließlich soll der Stand der Geistlichkeit nicht beschmutzt werden. Aus egoistischen Gründen soll alles legimatisiert werden. Die theologische Lösung: Unter dem Deckmantel der Geistlichkeit ist alles erlaubt; sündhafte Vergehen dürfen nur nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Eça de Queiroz geht sogar soweit, dass der Pater im Roman seine Sünden kirchenmoralisch absegnet und gestattet. Es heißt: „Alles ist erlaubt, wenn man einer heiligen Sache dient.“

Über Pater Amaro heißt es:


"Als Mann hat er für die Weiber Leidenschaften und Organe; als Beichtvater die Bedeutung eines Gottes. Es ist klar daß er das ausnutzen wird, um seine Leidenschaften zu befriedigen. Und daß er dieser natürlichen Befriedigung den Schein des Rechts geben, daß er ihr das Deckmäntelchen seiner priesterlichen Pflicht umhängen will..."

Die Theologie konstruiert sich einen Freibrief für sündhaftes Verhalten, auf dieser Schiene gleitet Pater Amaro dahin.



"Alle Theologen lehren, daß der Priesterstand eingesetzt wurde, damit er die Sakramente spende. Die Hauptsache war, daß die Menschen die innere , übernatürliche Weihe empfingen, die die Sakramente in sich schließen. Und wenn sie den heiligen Formeln gemäß vermittelt wurde, was lag daran, ob der Priester ein Heiliger oder ein Sünder war? Die Wirkung des Sakraments blieb die gleiche".


Ist es nicht heute in katholisch Kreisen genauso üblich, dass Verfehlungen geistlicher Hirten, solange es nicht öffentlich wird , auf Wunsch der Obrigkeit verschwiegen werden.In dem Eça de Queiroz das schildert, prangert er diese Verlogenheit an. Das Haupdilemma bleibt das Zölibat. Solange es dieses gibt, wird es Probleme damit geben, wie sie im Roman vorgeführt werden.

José Maria Eça de Queiroz' Roman ist sehr unterhaltsam geschrieben, niemals tut sich Langeweile auf. Trotzdem muss aus heutiger Sicht gesagt werden, die Probleme, die in diesem Roman geschildert werden, sind hinreichend bekannt. Die Wirkung, die der Roman im Jahre 1875 entfachte, hat er nicht mehr. Trotzdem habe ich den Roman gerne gelesen.

Dienstag, 7. April 2009

John Steinbeck: Tortilla Flat

John Steinbeck ließ sich in dem 1935 geschriebenen Roman von eigenen Erlebnissen inspirieren, die er als Gelegenheitsarbeiter in einer Zuckerfabrik mit mexikanischen Mitarbeitern erlebte. Steinbeck verlegt die Geschichte ins kaliforische Monterey, deren oberer Hügelbezirk „Tortilla Flat“ genannt wird. Dort leben Paisanos, Leute, mit einer „Mischung aus spanischem, mexikanischem und erlesenem kaukasischem Blut“. Der Roman handelt von Danny und seinen Freunden, einer Clique von Tagedieben, Habenichtsen, Landstreichern. Steinbeck zieht ausdrücklich eine Verbindung zu König Artus und seiner Tafelrunde.

Danny kehrt aus dem ersten Weltkrieg heim und erbt von seinem Großvater zwei Häuser. Für Danny, der in seinem Leben noch nie etwas besessen hatte, ist das natürlich etwas besonderes und sein Freund Pilon mahnt die Gefahren materiellen Besitzes: Besitz verändere den Menschen. Vorhaben, sein Eigentum mit seinen Freunden zu teilen, wenn man etwas hat, verfliegen, wenn man wirklich Eigentum besitzt. Danny werde nun seine Freunde verlassen, den Branntwein nicht mehr teilen. Danny verspricht das Gegenteil und schwingt sich zum Wohltäter auf. Ein Vagabund nach dem anderen wird irgendwo aufgelesen und zieht in das Haus ein. Großartige Stärke beweist Danny, als ein Haus infolge von Leichtsinn abbrennt. Das verlockt Danny zu einer Überlegung über die Vergänglichkeit irdischen Besitzes.

Auf den ersten Seiten des Buches ist schon klar, Steinbeck will nicht einfach eine Geschichte von Abenteurern erzählen, sondern er will den Lesern eine Botschaft vermitteln. Der Roman teilt sich in siebzehn einzelne Geschichten auf, manche könnten auch für sich alleine stehen, aber sie stellen letztlich doch ein Ganzes da. Die philosophischen Gedanken, die dem Roman sorgsam eingestreut sind, ohne das sie moralisierend wirken, machen den Roman lesenwert. Aber nicht nur das. Anstatt mit Moral sind die Abenteuer mit Humor gewürzt und einer manchmal seltsamen köstlichen Landstreicherlogik.

Der Roman hat einen religiösen Touch. So ist es unübersehbar, dass der Pirat, einer von Dannys Freunden, wie Franz von Assisi mit Tieren redet, und eine Frau, die nicht mehr weiß, von welchen Männern sie ihre Kinder hat, war zeitweise überzeugt, sie brauche dazu keinen Liebhaber mehr. Was für ein schelmischer Wink zur Jungfrau Maria. Manche Geschichten sind sehr wundersam und wirken mystisch.

Ganz bewusst gebe ich an dieser Stelle kaum Romaninhalt preis, weil ich der Meinung bin, damit einigen künftigen Leser um die Lesefreude zu bringen. Der Roman ist herzlich ironisch und ihr werdet bestimmt eure Freude an Steinbecks feinsinnigen Humor haben.

Im Fernsehen kann man gelegentlich Halbleichen-Promis sehen, die sich mit Gesichtsoperationen jung halten wollen und dicke Klunker um den Hals tragen. Was für eine widerliche Welt und schön sahen diese Frauen nicht aus. Natürlich denke ich dann an die Clique von „Tortilla Flat“, die solchen Mist nicht brauchen, auf Eigentum verzichten und trotzdem glücklich in den Tag hineinleben.