Der Roman beginnt mit der großen Dürre, die über Oklahoma liegt. Der Protagonist der ersten Seiten ist der Staub. Vom Staub aus gleitet Steinbeck ganz sacht über in die Welt der Menschen, die ja in diesem Lande in der Dürre leben. Der Staub hängt in der Luft, die Menschen müssen ihre Fenster schließen. Das ist der Übergang zur Zivilisation. Solche sanften Übergänge mag ich. Tom Joad kommt nach vier Jahren aus dem Gefängnis. Auch hier ist der Staub und das getrocknete Gras das Thema. Und dann widmet sich Steinbeck einer Schildkröte auf, die Tom auf der Straße findet. Beim Gehen wirbelt Tom Staub auf. Toms Begegnung mit dem Prediger, der inzwischen kein Prediger mehr ist, sondern ein einfacher natürlicher Mensch, der seine eigenen Gedanken zum Heiligen Geist entwickelt hat, ist eine sympathische Figur. Er macht seine eigenen Gedanken über Gott und die Welt. Bezeichnend ist doch auch, dass Tom Joads Beschreibung seiner Mordtat beim Prediger ziemlich gelassen ankommt. In diesem Land scheint man sich mehr über die Dürre sorgen zu machen, als über einen Mord, der eben auch mal leider passiert. Diese Art der Mentalität hat schon was. Das Abfallen des Predigers vom regulären christlichen Glauben, ist ein deutliches Merkmal dafür, dass an den Fundamenten der USA gerüttelt wird, und auf dem Weg ins Gelobte Kalifornien die Familie Joad immer mehr auseinanderbricht. Die älteste Generation, Großvater und Großmutter, Kalifornien erst gar nicht erreichen, sondern dahinsterben. Mit dem neuen Leben können sie nichts mehr anfangen, ihre Heimat, mit der sich sich indentifiziert hatten, ist verloren, darum auch sie verloren sind und sterben. Ein anonymes Grab am Straßenrand, ein Armengrab. Das zeigt noch mal deutlich, dass alte Totengebräuche auch nicht mehr aufrechterhalten werden können, dass alles zu Bruch geht.
Es ist nicht nur die Dürre allein, warum hunderttausende damals nach Kalifornien auswandern.
Zitat von Steinbeck
Die Bank - das Ungeheuer muß die ganze Zeit Profite haben. Sie kann nicht warten. Sonst stirbt sie.
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Die Bank ist mehr, als Menschen sind, das sage ich dir. Sie ist ein Ungeheuer. Menschen haben sie zwar gemacht, aber sie können sie nun nicht mehr kontrollieren. (Kap. 5)
Die Produktivität soll durch Traktoren gesteigert werden.
„Ein Mann auf einem Traktor kann zwölf oder vierzehn Familien ersetzen.“ Da die Pächter verschuldet sind, gehört das Land der Bank und die Pächter müssen mit ihren Familien von dannen ziehen. Es ist ganz klar, dass John Steinbeck gegen den Raubtierkapitalismus schreibt, der leider heute immer noch wütet. Die Banken müssen gerettet werden, die Bevölkerung hat nichts davon (siehe Griechenland). Warum die Landbesitzer den Pächtern Kalifornien schmackhaft machen, ist unklar. Denn so paradiesisch wird es dort ja nicht werden, wie sie behaupten:
Zitat von Steinbeck
Ihr braucht bloß die Hand auszustrecken und könnt überall eine Orange pflücken
Für die Großgrundbesitzer und Ausbeuter mag das stimmen, aber nicht für die Arbeiter, die sich für einen Elendslohn kaputtschuften – heute heißt das Lohndumping. Bevor die Joads überhaupt in Kalifornien ankommen, werden im Roman dreimal Zweifel eingestreut, dass in Kalifornien das Leben besser sei als in Oklahoma. Kommen wir noch mal zu den Orangenplantagen zurück. Kurz bevor die Joads Kaliforinien erreichen, werden sie von einem alten Mann aufgeklärt, wie furchtbar es in Kalifornien ist. Nur die Großgrundbesitzter haben das sagen. Nur ihnen gehören die Orangen. Sie hassen die Einwanderer, weil sie wissen, sie haben Hunger und könnten sich an einer Orange vergreifen. Wenn man eine anrührt, muss man damit rechnen, erschossen zu werden. Die Einwanderer nennen sie Oki. Das ist jemand, der aus Oklahoma kommt und ein Schwein ist.
Zitat von Steinbeck
Es sollen jetzt dreihunderttausend Leute da unten sein – und sie leben wie die Schweine, weil alles in Kalifornien jemanden gehört. Ist nichts mehr übrig. Und die Leute, denen's gehört, klammern sich daran – und wenn sie dabei die ganze Menschheit umbringen müssten...Ihr müsst jeden Tag eure paar Kröten fürs Essen zusammenkratzen. (Kap. 18).
Wie in „Tortilla Flat“ vetritt John Steinbeck die wunderbare Lebenseinstellung, und das hat er mit Henry Miller gemeinsam, dass materieller Reichtum eben nicht glücklich macht, dabei Steinbeck auf die Großgrundbesitzer schielt. Über den Herrn, der einen Millionen Hektar großen Wald besitzt, der jeden erschießt, der eine Orange klaut, legt Steinbeck dem Prediger Casy folgende Worte in den Mund:
Zitat von Steinbeck
Wenn er 'ne Million Hektar braucht, um sich reich zu fühlen, so scheint's mir, er braucht sie, weil er in seinem Innern schrecklich arm ist.... (Kap. 18)
John Steinbecks Roman ist knallhart, sodass er in diesem Roman sogar jeden Humor verloren hat, den er in „Tortilla Flat“ noch hatte. Das ist auch ein Grund, dass ich den Roman so zögerlich, manchmal auch mit Widerwillen gelesen habe. Aber Steinbecks Bitternis gegen den unsäglichen Kapitalismus, der Menschen brutal versklavt und erniedrigt, ist gerechtfertigt. Humor hat hier nichts verloren. Steinbecks Klage ist sehr zornig und erbarmungslos und darum humorlos. In dem er den Romanleser am Schluss in tiefer Hoffnungslosigkeit zurücklässt, verdeutlicht er nur, wie brutal und erbarmungslos der Raubtierkapitalismus ist. Steinbecks Roman ist gerade heute wieder besonders aktuell.




