Donnerstag, 16. Februar 2012

John Steinbeck: Früchte des Zorns

Steinbeck hat einen natürlichen, lockeren Stil. Man hat den Eindruck, ihm fliegen die Sätze einfach so aus dem Mund. Er beschreibt die Landschaft, und zeichnet die Dialoge, absolut realistisch. Allerdings wirkte dieser Stil trotzdem sehr trocken auf mich, so trocken wie die Dürre zu Beginn des Romans. Die Landschaftsbeschreibungen in dem Roman allerdings großartig sind. Vielleicht liegt es an den tristen Geschehnissen, dass mir die Lektüre sehr mühsam wurde. Es wird eben knallhart realistisch erzählt, wie eine Familie aus Oklahoma ihr Hab und Gut verlassen muss, die Hoffnung auf ein neues schönes Leben sie nach Kalifornien führt. Eine Art von Exodus, der allerdings nicht in das Gelobte Land führt, sondern in noch bitterer Armut, in rigide Formen unbarmherziger Ausbeutung. Der Roman spielt in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

Der Roman beginnt mit der großen Dürre, die über Oklahoma liegt. Der Protagonist der ersten Seiten ist der Staub. Vom Staub aus gleitet Steinbeck ganz sacht über in die Welt der Menschen, die ja in diesem Lande in der Dürre leben. Der Staub hängt in der Luft, die Menschen müssen ihre Fenster schließen. Das ist der Übergang zur Zivilisation. Solche sanften Übergänge mag ich. Tom Joad kommt nach vier Jahren aus dem Gefängnis. Auch hier ist der Staub und das getrocknete  Gras das Thema. Und dann widmet sich Steinbeck einer Schildkröte auf, die Tom auf der Straße findet. Beim Gehen wirbelt Tom Staub auf. Toms Begegnung mit dem Prediger, der inzwischen kein Prediger mehr ist, sondern ein einfacher natürlicher Mensch, der seine eigenen Gedanken zum Heiligen Geist entwickelt hat, ist eine sympathische Figur. Er macht seine eigenen Gedanken über Gott und die Welt. Bezeichnend ist doch auch, dass Tom Joads Beschreibung seiner Mordtat beim Prediger ziemlich gelassen ankommt. In diesem Land scheint man sich mehr über die Dürre sorgen zu machen, als über einen Mord, der eben auch mal leider passiert. Diese Art der Mentalität hat schon was. Das Abfallen des Predigers vom regulären christlichen Glauben, ist ein deutliches Merkmal dafür, dass an den Fundamenten der USA gerüttelt wird, und auf dem Weg ins Gelobte Kalifornien die Familie Joad immer mehr auseinanderbricht. Die älteste Generation, Großvater und Großmutter, Kalifornien erst gar nicht erreichen, sondern dahinsterben. Mit dem neuen Leben können sie nichts mehr anfangen, ihre Heimat, mit der sich sich indentifiziert hatten, ist verloren, darum auch sie verloren sind und sterben. Ein anonymes Grab am Straßenrand, ein Armengrab. Das zeigt noch mal deutlich, dass alte Totengebräuche auch nicht mehr aufrechterhalten werden können, dass alles zu Bruch geht.

Es ist nicht nur die Dürre allein, warum hunderttausende damals nach Kalifornien auswandern.
Zitat von Steinbeck

Die Bank - das Ungeheuer muß die ganze Zeit Profite haben. Sie kann nicht warten. Sonst stirbt sie.
........
Die Bank ist mehr, als Menschen sind, das sage ich dir. Sie ist ein Ungeheuer. Menschen haben sie zwar gemacht, aber sie können sie nun nicht mehr kontrollieren. (Kap. 5)




Die Produktivität soll durch Traktoren gesteigert werden.

„Ein Mann auf einem Traktor kann zwölf oder vierzehn Familien ersetzen.“
Da die Pächter verschuldet sind, gehört das Land der Bank und die Pächter müssen mit ihren Familien von dannen ziehen. Es ist ganz klar, dass John Steinbeck gegen den Raubtierkapitalismus schreibt, der leider heute immer noch wütet. Die Banken müssen gerettet werden, die Bevölkerung hat nichts davon (siehe Griechenland). Warum die Landbesitzer den Pächtern Kalifornien schmackhaft machen, ist unklar. Denn so paradiesisch wird es dort ja nicht werden, wie sie behaupten:
Zitat von Steinbeck


Ihr braucht bloß die Hand auszustrecken und könnt überall eine Orange pflücken


.

Für die Großgrundbesitzer und Ausbeuter mag das stimmen, aber nicht für die Arbeiter, die sich für einen Elendslohn kaputtschuften – heute heißt das Lohndumping. Bevor die Joads überhaupt in Kalifornien ankommen, werden im Roman dreimal Zweifel eingestreut, dass in Kalifornien das Leben besser sei als in Oklahoma. Kommen wir noch mal zu den Orangenplantagen zurück. Kurz bevor die Joads Kaliforinien erreichen, werden sie von einem alten Mann aufgeklärt, wie furchtbar es in Kalifornien ist. Nur die Großgrundbesitzter haben das sagen. Nur ihnen gehören die Orangen. Sie hassen die Einwanderer, weil sie wissen, sie haben Hunger und könnten sich an einer Orange vergreifen. Wenn man eine anrührt, muss man damit rechnen, erschossen zu werden. Die Einwanderer nennen sie Oki. Das ist jemand, der aus Oklahoma kommt und ein Schwein ist.
Zitat von Steinbeck

Es sollen jetzt dreihunderttausend Leute da unten sein – und sie leben wie die Schweine, weil alles in Kalifornien jemanden gehört. Ist nichts mehr übrig. Und die Leute, denen's gehört, klammern sich daran – und wenn sie dabei die ganze Menschheit umbringen müssten...Ihr müsst jeden Tag eure paar Kröten fürs Essen zusammenkratzen. (Kap. 18).



Wie in „Tortilla Flat“ vetritt John Steinbeck die wunderbare Lebenseinstellung, und das hat er mit Henry Miller gemeinsam, dass materieller Reichtum eben nicht glücklich macht, dabei Steinbeck auf die Großgrundbesitzer schielt. Über den Herrn, der einen Millionen Hektar großen Wald besitzt, der jeden erschießt, der eine Orange klaut, legt Steinbeck dem Prediger Casy folgende Worte in den Mund:
Zitat von Steinbeck

Wenn er 'ne Million Hektar braucht, um sich reich zu fühlen, so scheint's mir, er braucht sie, weil er in seinem Innern schrecklich arm ist.... (Kap. 18)



John Steinbecks Roman ist knallhart, sodass er in diesem Roman sogar jeden Humor verloren hat, den er in „Tortilla Flat“ noch hatte. Das ist auch ein Grund, dass ich den Roman so zögerlich, manchmal auch mit Widerwillen gelesen habe. Aber Steinbecks Bitternis gegen den unsäglichen Kapitalismus, der Menschen brutal versklavt und erniedrigt, ist gerechtfertigt. Humor hat hier nichts verloren. Steinbecks Klage ist sehr zornig und erbarmungslos und darum humorlos. In dem er den Romanleser am Schluss in tiefer Hoffnungslosigkeit zurücklässt, verdeutlicht er nur, wie brutal und erbarmungslos der Raubtierkapitalismus ist. Steinbecks Roman ist gerade heute wieder besonders aktuell.

Samstag, 21. Januar 2012

Blaise Cendrars: Gold - Der Lebensroman General Suters

Gold – und Geldgier zerstört Leben.

Es scheint, die Menschheit ist seit Jahrtausenden nicht klüger geworden. Ägyptische Grabräuber raubten die Gräber ihrer Pharaonen aus und begingen damit religiösen Frevel, gefährdeten das Leben ihrer Pharaonen im Jenseits. König Midas ist beinahe verhungert, weil alles zu Gold wurde, was er angefasst hat. Spanier waren hinter dem Gold der Inkas her und hinterließen gewaltige Blutspuren. Mark Twain berichtet, wie Arbeiter in Goldminen für einen erbärmlichen Lohn ausgebeutet wurden und trotzdem kein Gold gefunden haben. Heute geht die Ausbeutung in Deutschland weiter, weil viele Menschen für einen schäbigen Hungerlohn arbeiten müssen, dafür andere sich gierig ihre Taschen voll stopfen. Als Bänker nicht so sehr ans Gold dachten, sondern eher an das Geld, wurde 2008 die Weltwirtschaftskrise verursacht. Der Turbokapitalismus bringt regelrecht Menschen um. Spekulanten treiben Nahrungsmittel in die Höhe, sodass arme Menschen ihre Nahrungsmittel nicht mehr kaufen können. Das Menschen für Goldklumpen, in die man nicht hinein beißen kann, in der Lage sind, fruchtbares Land zu zerstören, davon erzählt die Lebensgeschichte des Generals Johann August Suter, der im Jahre 1834 in die USA kam, in Kalifornien fruchtbaren Boden schuf. Nachdem in einer seiner Sägereien Gold gefunden worden war, wurde sein Besitz, die fruchtbaren Böden, sein "Klein-Helvetien" gänzlich zerstört, weil ein jeder aus aller Welt daherkam, und nach Gold buddelte. Auf diese Weise wurde General Suter, der der reichste Mann in Amerika gewesen war, zum Ärmsten seiner Landsleute. Der französische Autor Blaise Cendrars hat die Lebensgeschichte dieses Schweizer Generals im Jahre 1925 aufgeschrieben, diese Lebensgeschichte mit „Gold“ betitelt. Für Stefan Zweig war die Tragik des General Suter sogar eine Sternstunde der Menschheit wert. Eigentlich war es doch eine der düstersten Stunden, die nackte elende Wahrheit, das Gold und Geld vielen Menschen den Verstand kostet.

Dienstag, 22. November 2011

Umberto Eco: Der Friedhof in Prag


Umberto Eco ist Autor von Sachbüchern, Essays und Romanen. Sein neuster Roman „Der Friedhof im Park“ handelt von fiktionalen Quellen, die eine Weltverschwörung der Juden belegen sollen. Dieses Pamphlet, eine Fälschung, entstand wenige Jahre nach 1897, dem zeitlichen Ende des Romans, in diesem Jahr der Protagonist des Romans, der Antisemit, Vielfraß und Frauenhasser Simone Simonini, in Paris sein Tagebuch schreibt, in dem er die Vorgeschichte dieser Fälschung darlegt, Die Protokolle der Weisen von Zion. Dieses Lügenwerk war den Nazis willkommen, einige Unverbesserliche halten diese Protokolle für wahr, wie der Holocaustleugner und Bischof der Piusbruderschaft Richard Williamson, der diesen Unsinn als „gottgesandt“ einstuft.

Der in Paris lebende Simone Simonini ist die einzige Figur des Romans, die Umberto Eco der Fantasie entsprungen ist, alle anderen Personen sind historisch belegt. Trotzdem ist Simonini auch nur eine Collage von mehreren Personen, die es im neunzehnten Jahrhundert gegeben hat. Ich gehe davon aus, und vieles spricht dafür, dass der Roman größtenteils aus Textcollagen besteht. Das ist eine Kunst, deren Thomas Mann sich auch gerne bedient hat. Schwierigkeiten, die bei der Lektüre vorkommen können, kann zu einem Teil einer historischen Unkenntnnis des Lesers ursächlich sein. Das schreibe ich mal so provokant hin, als ob man dem Leser Vorwürfe machen könnte. Das ist natürlich Unsinn. Es liegt immer noch in der Verantwortung eines Schriftstellers, wie er einen Roman konzipiert. Um es kurz zu machen: In den Kapiteln um Garibaldi und Napoleon III. begann es schon, dass ich inhaltlich den Faden verlor, vieles verständnislos wurde, weil meine Bildung (oder Unbildung) versagte. Nach der Lektüre ist man gescheit: Ach, hätte ich vor dem Schinken die Geschichte Italiens und Frankreichs studiert, dann hätte ich mehr vom Roman gehabt. Eine große Hilfestellung während der Lektüre war der wikipedia-Artikel „Protokolle der Weisen von Zion.“ Momentmal. Erstmals ist es mir passiert, dass ich einen Roman in etwa nur folgen konnte, weil ich einen bestimmten wikipedia- artikel zur Verfügung hatte. Das kann ich gar nicht gutheißen. Sicher, Eco hat recherchiert bis in die letzten Winkel. Sogar die Theosophin Madame Blavatzky findet Erwähnung, wir erfahren auch nebenbei, Simonini sei mit Alphonse Daudet befreundet, dieses aber hätte gar nicht erwähnt werden müssen, denn Daudet taucht im Roman niemals auf, Victor Hugo wird zweimal erwähnt, George Sand und Chopin dürfen natürlich auch nicht fehlen, natürlich auch nicht Charcot, Freud, Hysterieforschung, Mesmerismus. Was ich sagen will, Umberto Eco packt alles in dem Roman hinein, als ob er das ganze Paris in den Roman packen wolle, obwohl niemandem aufgefallen wäre, wenn Simonini mit Daudet nicht befreundet gewesen wäre. Das mag eine Liebelei von Umberto Eco sein, der aus Freude an seiner überaus großen Bildung alles in den Roman hineinfließen lassen wollte.. Unbedingt nötig ist das nicht, eher eine Überfrachtung, allerdings das herrliche wunderbare Kapitel um Freud, Charcot und Hysterie für den Roman unverzichtbar ist. Ja, naturlich. wunderbare literarisch gut ausgeformte Passagen gibt es natürlich wie auch der einführende Monolog Simoninis, auch wenn dieser Monolog an Gehässigkeit wohl kaum zu überbieten ist. Dass sogar Dostojewskij (seltsamerweise?) für eine Weltverschwörung herhalten muss, hätte wohl niemand erwartet. Dostojewskij sei ein guter Rhetoriker heißt es. Erst zeige er Verständnis für die Juden und drücke seine Hochachtung aus,
Zitat von Eco

dass alles, was Humanität und Gerechtigkeit erfordere, alles was Menschlichkeit und das christliche Gesetz erfordere, für die Juden getan werden muss...


und dann wird gesagt, Dostojewskij hätte ausführlich beschrieben,
Zitat von Eco


wie diese unglückliche Rasse darauf abziehlt, die christliche Welt zu zerstören.




Natürlich hätte ich gerne gewusst, wo diese Ausführungen Dostojewskijs im Werk dieses Schriftstelles zu finden ist, Eco allerdings in einem Roman nicht zu Quellenverweisen verpflichtet ist. Allerdings, wenn ich mir die zweite Hälfte des Romans anschaue, hätte ich mir gewünscht, Umberto Eco hätte sich für die Form eines Sachbuches entschieden. In der zweiten Hälfte des Romans verarbeitet Eco fast nur abstruse fiktive Ideen aus der Literatur, z,B. Hermann Goedsche, der in seinem Roman „Biarritz“ höchst seltsames über Juden verfasste und LéoTaxil, der abstruses über satanische Riten und Freimaurerei veröffentlicht hat, was nun ein gefundenes Fressen für den bösartigen Simonini ist. Allerdings ebbt dies bischen Romanhandlung im Roman ziemlich ab, dass ich mich wirklich fragen muss, warum dieses Buch nicht ein erstklassiges Sachbuch geworden ist, jetzt aber einen unausgegorener Roman vor uns liegt, dabei aber nicht vergessen werden darf, Umberto Eco den wunderbaren großartigen Roman „Der Name der Rose“ geschrieben hat. Ein Roman mit Historie, Theologie, Philosophie; dieses Werk aber ein großartiger Roman geworden ist, den ich ohne Sekundärliteratur inhaliert habe. Ein großes Vergnügen. Trotzdem hatte der Verlag eine „Nachschrift“ veröffentlicht.. Für „Der Friedhof im Park“ halte ich einen Kommentar mit Quellen für notwendig. Ein paar wikipedia-artikel als Sekundarmaßnahme ist mir einfach zu bleich.

Montag, 24. Oktober 2011

David Benioff: Stadt der Diebe


Dieser Roman ist eine große Überraschung. Es wird nicht einfach nur ein tragisches Schicksal im Zweiten Weltkrieg erzählt, sondern David Benioff verbindet in einzigartiger Weise Kriegsgeschehen, Geschichte einer Jugendfreundschaft und Abenteuerroman. Einzigartig, weil mir in der deutschsprachigen Literatur in dieser Art noch nichts vor die Augen gekommen ist, in Deutschland solch ein Roman auch sicher nicht hätte geschrieben werden können. Humor, Witz, Ernsthaftigkeit, die absolute Bitternis und Unmenschlichkeit des Krieges, Brutalität, Sex und Überlebenskampf – alles das ist in diesem Roman in gekonnter Ausgewogenheit enthalten, der Autor außerdem einen Roman vorgelegt hat, der auf keiner einzigen Seite Langeweile aufkommen lässt. Spannung bis zum Schluss, ein rasanter Drive mit überraschenden Wendungen.

Brian Moore konnte auch spannungsgeladen schreiben, aber ich denke, dieser Benioff hat noch einen Tick mehr, zumal außerdem das Kolorit Leningrad im Jahre 1942 zur Zeit der Belagerung der Nazis für den deutschen Leser schon etwas besonderes ist ,und der Aufhänger des Romans ist einfach genial bemerkenswert, wie wir gleich sehen werden. Verdanken haben wir diese Lokalität Benioffs Großvater, der in Leningrad geboren ward und mit siebzehn Jahren ins berüchtigte Kresty- Gefängnis gesteckt wird, weil er einem deutschen Fallschirmspringer, der tot vom Himmel fiel, ein Messer klaute. Von diesem Großvater, der Lew heißt, handelt dieser Roman. Allerdings ist das schon Fiktion. Im Deutschlandfunk hat Benioff offenbart, sein Großvater sei nie in Leningrad gewesen. Trotzdem, im Roman sitzt Lew im Dunkel seiner Gefängniszelle:

Zitat von Benioff

Die Nacht würde niemals enden. Die Deutschen hatten die verdammte Sonne abgeschossen, die konnten das, klar doch, ihre Wissenschaftler waren die besten der Welt, die konnten das austüfteln. Die hatten herausgefunden, wie man die Zeit anhält. Ich war blind und taub. Nur die Kälte und mein Durst sagten mir, dass ich noch lebte. Mit der Zeit wirst du so einsam, dass du dich nach den Wärtern sehnst, nur um ihre Schritte zu hören, ihre Wodkafahne zu riechen.


Im Gefängnis begegnet er den etwas älteren und lebenserfahrenen Kolja, Angehöriger der Roten Armee, der einsitzt, weil er desertiert ist. Sie glauben, am nächsten Tag umgebracht zu werden, werden aber einem Oberst des Geheimdienstes vorgeführt, der ihnen Gnade verspricht, wenn sie für die Hochzeitstorte seiner Tochter in Leningrad zwölf Eier besorgen können. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn in Leningrad werden die letzten Hühner zu Suppen verkocht.

Benioff hat für seinen Roman recherchiert. So las er, wie er am Ende des Romans in den "Danksagungen" schildert "900 Tage. Die Belagerung von Leningrad" von Harrison E. Salisbury und das Buch "Kaputt" von Curzio Malapartes, in dem die Taktik der Deutschen mit den Partisanen geschildert wird. Einmal hören die Freunde Klaviermusik aus irgendeinem Fenster, und es wird bemerkt, Schostakowitsch wohne hier in der Nähe. Allerdings ist es die dichterische Freiheit des Autors, diese Szene in das Jahr 1942 zu verlegen. Historisch korrekt ist, Schostakowitsch befand sich im Jahre 1941 noch in Leningrad und spielte damals bei einer Gelegenheit aus der Leningrader Symphony vor. 1941 verließ er aber auch die Stadt und wohnte dann in Moskau. Roman ist eben Fiktion. Mir haben auch die Dialoge der Jungens gefallen. Natürlich geht es darin hauptsächlich um Frauen, Kolja in diesen Dingen überlegen ist. Diese Dialoge tragen Witz, Charme und sind so unverkrampft, dass es einfach herrlich zu lesen ist. David Benioff, der, wenn er nicht gerade an einem Roman sitzt, Drehbücher schreibt, ist ein begabter Dialogeschreiber. Aus den Dialogen und ihrem Verhalten bilden sich die Charaktere der Protagonisten. Dostojewskij hat auf diese Weise ebenso Charaktere geformt.

Und weil es so schön war, lese ich gleich noch den Romanerstling "25 Stunden" hinterher.

Freitag, 14. Oktober 2011

Tomas Tranströmer: Der Mond und die Eiszeit

Tomas Tranströmer stand schon lange auf der Liste der Favoriten für den Literaturnobelpreis. Warum ich aber erst jetzt seine Gedichte lese, nachdem es durch die Welt ging, er bekomme diese Auszeichnung, weiß ich nicht. Immerhin habe ich den inzwischen vergriffenen Gedichtband „Der Mond und die Eiszeit“ aus der Reihe „Serie Piper“ zwei Tage vor der Bekanntgabe des Nobelpreises antiquarisch geordert. Also, gelesen hätte ich diese Gedichte sowieso, und jetzt lese ich sie und bin froh, obwohl, bange hätte ich werden können, denn da gibt es ein Gedicht über Schreibhemmung. Überdrüssig aller Wörter, denn sie können nicht eins zu eins die reale Welt darstellen, von der der Schreibende in dem Gedicht doch erzählen will, und weil er keine Worte findet, zeichnet Tranströmer in Bildern, erzählt, wie das literarische Ich auf eine schneebedeckte Insel fährt. „Das Wilde hat keine Wörter.“, heißt es, ja, diese Insel ist von natürlicher Wildnis, aber sie vom Schnee umhüllt ist, bleibt verborgen. Der Schreiber findet keine Worte. Nur die Sprache ist da, Rehhufen im Schnee – eines ist hier entlanggelaufen erzählt die Sprache der Natur.

Mein erster Eindruck der Gedichte des Frischgekürten: Er erzählt in eindrucksvollen Bildern, die gedeutet werden müssen. Lyrik muss man sich selbst erarbeiten, ich kann hier nur meine subjektiven nicht allgemeingültigen Eindrücke schildern. Ein Gedicht habe ich auf Anhieb lieb gewonnen: „Skizze im Oktober“. Ein klappriger rostiger Schleppdampfer, schrottreif, ist wie „eine schwere erloschene Lampe in der Kälte.“ Er nähert sich der Erde, dem Land, indem er vom Meer in einen Fluss einfährt. Die wilden Farben der Blätter künden den Tod an. In der zweiten Strophe kommt der Mensch ins Spiel. Tintenpilze, die durch Grasnarben schießen, sind wie hilfesuchende Finger von jemanden, der nun unter der Erde liegt. Wir werden eins mit der Erde, will das Gedicht uns sagen. Mich haben diese Bilder, wie Tranströmer sie lakonisch, aber trotzdem wuchtig malt, sehr beeindruckt. Dieses Gedicht zählt von Anbeginn schon zu meinen liebsten. In einem anderen Gedicht heißt es über den Tod: „ Doch im stillen wird der Anzug genäht.“

Ein jeder kennt das Gedicht „Ein Gleiches“: „Über allen Gipfeln / Ist Ruh.“ In diesem Gedicht geht der Spannungsbogen vom Himmel bis unter die Erde: „Warte nur, balde / Ruhest du auch“. In dem Gedicht „Atempause Juli“ von Tomas Tranströmer liegt jemand unter hohen Bäumen und schaut in die hohen Zweige. Er fühlt, er sitze „ in einem Schleudersitz, der in Zeitlupentempo wegfliegt.“ In der zweiten Strophe ist das Gedicht inhaltlich zur Erde geschwenkt, auf einem Bootssteg, der schneller altert als der Mensch. Und dann, man merkt vielleicht, dass Tranströmer Schwede ist, immer wieder Wasser, das Meer, die Kälte, in der dritten Strophe also die Vorstellung, wenn jemand mit einem Boot „über die glitzernden Buchten fährt“, dann wird derjenige „in einer blauen Lampe einschlummern“, und, im letzten Vers so eine typische bildhafte Fantasie Tranströmers: “..während die Inseln über das Glas kriechen wie große Nachtfalter.“ Geniales Bild. Wie sollen wir das aber entschlüsseln? Es geht hier wohl auch um den Tod. Die blaue Lampe könnte der kalte Tod sein, das Meer der Sarg unter den Schwingen des Nachtfalters. Alles muss man nicht verstehen, dass Entscheidende ist, Tranströmers Bilder bringen unsere Fantasie in Bewegung. Wir begegnen auch den Blick von ganz unten bis in die weiten des Kosmos: „Wir blicken nach oben: der Sternenhimmel durch das Abflussgitter.“

In diesem Band sind auch einige kurze Prosastücke enthalten, die wie seine Lyrik ebenso von knapper Verdichtung und assoziativwirkenden Bildern geprägt sind. Es sind wunderbare Bilder. Oder wundersame? In einem Gedicht schauen „Satelitenaugen“ auf den rauhen Boden der Erde, der kein Spiegelbild zulässt. „Nur die gröbsten Geister“, so heißt es, „spiegeln sich drauf: der Mond und die Eiszeit.“

Freitag, 30. September 2011

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen

In unserer Familie bin ich manchmal schief angesehen worden, wenn ich es wagte, das Wort „Scheiße“ in den Mund zu nehmen. Entschuldigt diesen einleitenden Satz, aber ich komme gleich zum Roman. Für mich hat es nie einen Grund gegeben, dieses Wort nicht zu benutzen, wenn es einen Grund dafür gegeben hatte. Wenn der Roman von Angelika Klüssendorf mit dem Euphemismus Scheibenkleister“ begonnen hätte, wäre es ein derber Fehlstart gewesen, denn nur das Wort „Scheiße“, mit dem der Roman beginnt, kann aussagen was gemeint ist. Die Kindheit des Mädchens, das unter Verwahrlosung und Gewalt aufwächst ist „Scheiße“, und im übertragenden Sinn ist auch der Unrechtsstaat DDR gemeint ist, auch wenn es Verwahrlosung in Westdeutschland und in anderen Ländern genauso gegeben hat und heute noch gibt.

Zu Beginn des Romans fliegen wirklich Exkremente „durch die Luft“ und all das „landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig.“

Seit Tagen sind das 12 jährige Mädchen und der sechsjährigen Bruder Alex in der Wohnung eingeschlossen. Da die Toiletten in diesen DDR-Mietshäusern immer ein halbes Stockwerk tiefer sind, müssen sie ihre Ausscheidungen in einem Eimer sammeln. Die Wohnung verdreckt, ein halbe Müllhalde, in der offenbar noch ein Fernseher funktioniert, denn aus dem Fernseher weiß das Mädchen, wie sich Frauen vor den Männern zeigen, wie sie sich halbnackig zeigen, um ihnen zu gefallen. Mit Büstenhalter, rotem Spitzenhöschen und knallrotem Lippenstiftmund bewegt sie sich vor dem Fenster und weiß, dass die Arbeiter aus der Werkzeugfabrik, die gleich Pause haben, zu ihr hinaufschauen werden. Dieses erste Kapitel schon zeigt in bitterer Realität die Verwahrlosung unmittelbarer Umgebung des geschlossenen Raumes und die geistige Verwahrlosung, fehlgeleitete Vorstellung ihrer Identität als künftige Frau durch die sexualisierte Präsentation des weiblichen Geschlechts unkontrolliert aus der Flimmerkiste eingetrichtert (dass sie dauernd vor dem Fernseher hängt, ist nur ganz herrlich fein angedeutet). Der Vater, betrunken, meist gar nicht zu Hause schlägt seine Frau, die Mutter prügelt mit einem Ledergürtel auf das Mädchen ein, die Schwester gibt Watschen an ihren Bruder weiter. Hier ist wirklich gar nichts mehr übrig, was wir als sozial bezeichnen würden. Man mag so etwas wie soziales Chaos bezeichnen. Alles, wirklich alles, gerät aus den Fugen. Der blondgelockte Bruder ist ein Liebling der Mutter und wird in den Augen der Mutter zum bösen Bastard, wenn sie ihre brutale Gewalt an ihm auslässt. Der Verwahrlosung dieser Menschen wird der ramponierte Zustand des Hauses gegenübergestellt, meines Erachtens ein deutlicher Hinweis dafür, dass hier Verwahrlosung als Metapher für die ganze desolate DDR-Diktatur steht. Insuffizient, brüchig, kurz und gut so, wie das erste Wort des Romans. Der Text um das brüchige Haus ist ein sehr schönes Beispiel für die Lakonie des Romantextes.

Zitat von Klüsendorf
Das Haus unterscheidet sich nicht von den anderen Häusern in der Straße, Rußflecke, Einschusslöcher aus dem Krieg, abblätternder Putz.



Lest nach dem ersten Kapitel weiter, wenn ihr noch Nerven dazu habt, denn der Roman ist in seiner lakonischen Art wirklich gut geschrieben. Direkt bezieht sich auf die realistische, ehrliche Darstellung der Misere und vergessen wir jeden Anflug von illusionärer DDR-Romantik. Diese Diktatur war ein Graus damals, nichts anderes. Als das Mädchen ins Heim kommt, erzählen ihr die anderen Mädchen von ihren grausamen Erlebnissen zu Hause. Wenn sie das hört, „erscheint ihr das eigene Schicksal weniger schlimm, die erlebten Demütigungen fast bedeutungslos.“

Es ist schon ein Wunder, dass das Mädchen in dieser Düsternis Strategien entwickelt, um der Hölle zu entkommen. Sie wird von der Mutter geschlagen, und aus Brehms Tierleben kennt sie den Goliathkäfer.

Zitat von Klüssendorf
„Sie stellt sich vor, sie hätte seine Flügel und könnte weit weg fliegen.“

Donnerstag, 1. September 2011

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Arno Geiger hat ein literarisch formloses Buch über seinen Vater geschrieben. Es ist kein Roman, keine Fiktion. Der Vater leidet an Alzheimer Demenz, die Krankheit hier aber nur sekundär auftritt, in erster Linie es aber um das Verhältnis zwischen Vater und Sohn geht. Eine subtile Annäherung an den Vater, dessen Herkunft auch beleuchtet wird. Als die Krankheit einsetzt, der Vater seine ersten Aussetzer hatte, wird falsch reagiert. Der Vater wird für ein Fehlverhalten kritisiert, was durch seine Erkrankung verschuldet ist. So wird es in vielen Familien sich zugetragen haben, bis irgendwann die Erkenntnis einsetzt, der Vater ist krank. August Geiger geht immer mehr in sein Exil, in seine Krankheit, sodass er wie ein heimatloser sich nach Hause sehnt, obwohl er ja physisch zu Hause ist. Aber der Geist zerfällt, die ganze Persönlichkeit, und das ist die Fremde, die dieser Vater fühlt. Arno Geiger hat diesen Vorgang an sich sehr schön erzählt, warum er aber die Alzheimer Erkrankung zur Metapher erklärt, ist seltsam. Alzheimer als

Zitat von Arno Geiger
..ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen o
Orientierungsprobleme und Zukunftsängste.

(Seite 58).

Ich habe den Eindruck, mit diesem Gesellschaftsbezug soll der Text literarisch erhöht werden, denke ich bei diesem Zitat doch an Kafka. In meiner Rezension zu „Der Verschollene" schrieb ich:

Zitat von mArtinus
„...dass Kafka zu Beginn des 20 Jahrhunderts erschreckend in eine hochtechnisierte Welt sah, die den einzelnen Menschen, das Individium, unbedeutend erscheinen ließ.“


Ich gehe davon aus, Arno Geiger habe sich bewusst auf Kafka bezogen, ihn nur variiert, an einer anderen Stelle Kafka sogar wörtlich erwähnt wie auch andere Größen. An sich besteht aber kein Grund seine Bildung vorzuzeigen, wenn es um den eigenen Vater geht, der übrigens schon immer „einen Hang zum Eigenbrötlerischen hatte“, aus dem Dorf kaum herausgekommen sei. Einerseits Verständnis für die Situation des Vaters gezeigt wird, andererseits auf Grenzen gestoßen wird, wenn der Autor sich ärgert, wie überlegt doch manche Antworten seines Vaters erscheinen, außerdem am Rande schwelende Aggression brodelt, auf Seite 23 folgendes zugegeben wird:

Zitat von Arno Geiger
Hätte ich damals nicht mehrere Monate im Jahr zu Hause verbringen müssen, damit ich als Ton-und Videotechniker auf der Bregenzer Seebühne das Geld verdiente, das das Schreiben nicht abwarf, hätte ich einen weiten Bogen um das Elternhaus gemacht.


All das, obwohl auf Seite 11 noch zuversichtlich verkündet wird:

Zitat
Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm.


Ein redlicher Vorsatz, der sich nur teilweise erfüllt. Das Buch hat gute Ansätze, die dem Leser die Situation nahebringen kann, wie es sein kann, wenn ein Familienmitglied einer dementiellen Entwicklung ausgesetzt ist und irgendwann doch der Punkt erreicht wird, dass die Inanspruchnahme eines Pflegeheimes irgendwann nicht mehr abzuwenden ist. Aber, wie oben ausgeführt, auch ein Buch, was Fragen aufwirft, warum nur Arno Geiger dieses Buch geschrieben habe. Um seinetwillen oder zum Andenken an seinen Vater?

Zitat von Arno Geiger
Meine ganze Kindheit lang war ich stolz gewesen, sein Sohn zu sein. Jetzt hielt ich ihn zunehmend für einen Schwachkopf.
Es wird wohl stimmen, was Jacques Derrida gesagt hat: dass man stets um Vergebung bittet, wenn man schreibt.

(Seite 23)